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Thu, 09. September 2010                                

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ELGER ESSER. EIGENZEIT

ALTErtuemliches Termine Reminder Kunstmuseum Stuttgart

  • Elger Esser: 20 Le Tréport, 2006
    Elger Esser: 20 Le Tréport, 2006


    Elger Esser: 240 Biarritz, 2004
    Elger Esser: 240 Biarritz, 2004


    Portrait Eger Esser
    Portrait Eger Esser


    Elger Esser: Combray (Echanney II), Frankreich, 2008
    Elger Esser: Combray (Echanney II), Frankreich, 2008


    Elger Esser: Blois I, Frankreich, 1998
    Elger Esser: Blois I, Frankreich, 1998


Datum: 28.11.2009 - 11.04.2010

Die Fotografien von Elger Esser wirken wie ein Déjà-vu: seine magischen Bilder von Flusslandschaften, Brücken, Dörfern und Meeresküsten rufen vage Erinnerungen wach, selbst wenn man nie an einem der Aufnahmeorte gewesen ist. In bewusster Anlehnung an Marcel Proust begibt sich der 1967 in Stuttgart geborene Künstler in seinen poe- tisch-melancholischen Fotografien immer wieder auf die »Suche nach der verlorenen Zeit«. Auch in der Wahl der fotografischen Techniken: Seine jüngst entstandenen Heli- ogravüren, eine fast vergessene Technik des 19. Jahrhunderts, stellt er erstmals vom 28. November 2009 bis 11. April 2010 im Kunstmuseum Stuttgart und anschließend im Museum voor Moderne Kunst Arnhem vor. Diese erste große Überblicksschau präsen- tiert rund 50 großformatige Werke des Künstlers. Als einer der letzten und jüngsten Absolventen der berühmten Klasse von Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie zählt Elger Esser heute zu den wichtigsten deutschen Fotokünstlern.

Elger Esser: 20 Le Tréport, 2006

Der Begriff »Eigenzeit« stammt ursprünglich aus der Physik und beschreibt nach Einstein das Phänomen der Relativität der Zeit. Als Titel dieser Ausstellung bezeich- net er zunächst Elger Essers offene Herangehensweise, wenn er sich alleine ohne klare Ziel- und Motivvorstellungen auf den Weg begibt und sich einfach treiben lässt. Zum anderen benennt »Eigenzeit« den Kern von Essers fotografischem Schaffen: Seine Landschaftsbilder wirken zeitenthoben, entziehen sich der Einordnung und werden so zu Monumenten ihrer Eigenzeit. Die Aufnahme eines Dorfplatzes könnte gestern, vor zehn Jahren oder gar vor hundert Jahren entstanden sein. Sie zeigt das Wesen des Ortes und nicht dessen zeitliche Verortung.

Wie in der Malerei löst Esser somit das Motiv von Ort und Zeit und erschafft statt- dessen ein wirkungsmächtiges Sehnsuchtsbild. Selbst wenn man auf diesen Aufnah- men einzelne aktuelle Hinweise entdecken sollte – Esser würde diese Details nie re- touchieren –, verlieren die Bilder durch ihre statische Erscheinung die zeitliche Be- stimmbarkeit und gewinnen zugleich einen Hauch von Ewigkeit. Esser dringt damit zum zwiespältigen Wesen der Fotografie vor, die von ihrer Geburtsstunde an den Spagat zwischen Dokumentation – dem angeblich objektiven Abbild der Realität – und subjektiver Aneignung der Welt zu leisten hat. »Essers Bilder erzählen von Sehnsucht«, so Alexander Pühringer in seinem Beitrag zum Ausstellungskatalog, »dem Wunsch, etwas festzuhalten, was doch verloren ist, längst und unumkehrbar. Darin liegt die leise Melancholie verborgen, die seinen Fotografien innewohnt.«

In seinen stets unsentimentalen Bildern nobilitiert Esser die unaufgeregten, un- scheinbaren Plätze, die er durch seine Fotografie der Vergessenheit entzieht. Es geht ihm um die intime Erinnerung, die jeder mit sich trägt. Der fiktive Ort Combray aus dem Romanzyklus »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, den Proust aus Versatzstücken des realen Ortes Illiers komponierte, symbolisiert genau diese intime Erinnerung. Er wurde in der Rezeption zum Sinnbild der Kindheitserinnerung schlechthin. Esser bezieht sich auf genau diesen Topos und übersetzt den Bilder- reichtum von Proust in einige wenige Fotografien. Fremd und vertraut zugleich be- rühren seine Aufnahmen von Echanney oder Fontaines-en-Duesmois den Betrachter. Esser nennt die Orte im Titel; jeder kann die Dörfer auf der Landkarte lokalisieren und selber aufsuchen. Zugleich setzt er sie jedoch in einen Bezug zu dem fiktiven Combray, so dass immer wieder die Irritation entsteht, ob die Fotografien nicht doch alle in Illiers/Combray entstanden seien. Indem er sein Werk einerseits lokalisiert, es andererseits jeder Lokalisierung entzieht, löst er es gezielt von seinen geografischen Koordinaten.  

Brücken, Flüsse und natürlich Seestücke sind zentral in Essers Werk. Gerade bei sei- nen zahlreichen Brückenbildern wird die enge Beziehung und der Unterschied zur Malerei des 19. Jahrhunderts deutlich. So zeigt »Saint-André de Cubzac« ein Monu- ment der Ingenieurleistung, eine von Gustave Eiffel in den Jahren 1879 bis 1883 er- baute Brücke. Monet hätte mit Sicherheit über diese Brücke eine dampfende Loko- motive fahren lassen; bei Esser ist es ein Ort der Stille. Technikgläubigkeit und Zu- kunftsträume sind nicht das Thema. Schon in diesen frühen Arbeiten befasst sich Es- ser vielmehr mit der Erinnerung. Die ausgebleichten Farben seiner Landschaften un- terstreichen den Eindruck, dass viel Zeit zwischen dem Entstehungszeitpunkt und der Anschauung vergangen sein muss. Bei seiner Ausschnittwahl respektiert der Künstler klassische Kompositionsregeln, die unterschwellig den harmonischen Ein- druck unterstreichen.  

Es ist nicht überraschend, dass Esser über eine enorme historische Postkarten- sammlung von bretonischen und normannischen Küstenorten verfügt und damit ar- beitet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Auswahl an Postkartenmotiven auch für das kleinste Fischerdorf aus unserer heutigen Sicht erstaunlich groß. Für die Bildproduktion wurden die unspektakulärsten Marktplätze ebenso wie aufregende Ereignisse mit gestrandeten Walen oder Schiffswracks herangezogen. Die Postkarte war und ist die Schnittstelle zwischen individueller und kollektiver Erinnerung. In Es- sers Werk nehmen die Postkartenarbeiten ebenfalls eine Schnittstelle zwischen älte- ren Landschaftsbildern und jüngsten Heliogravüren ein. Er wählt Ausschnitte aus den Postkarten und vergrößert diese im Labor, so dass die Bildrasterung stark hervor- tritt. Partien dieser Vergrößerung lässt er wiederum kolorieren und erzielt dadurch eigenartige Verfremdungseffekte. Es entsteht eine neue Ordnung, die auf den Nah- Fern-Kontrast bei der Betrachtung ausgerichtet ist. Anders als seine Landschaftsfo- tografie bewirken diese Werke keine Sehnsuchtsgefühle. Sie sind wie künstliche Pa- radiese: in ihrer Farbigkeit immer ein wenig zu schrill, wie das Ausgangsmaterial zu effektheischend, aber dadurch auch faszinierend. Letztlich aber steht nicht das ur-  sprüngliche Motiv im Mittelpunkt von Essers Interesse, sondern das Medium Post- karte – aus einer kurzen historischen Phase –als Schnittstelle von Erinnerungen und als Zwittermedium von Malerei und Fotografie.

Elger Esser arbeitet stets stark konzeptuell, was angesichts der schönen Motive und der großen emotionalen Wirkung beim Betrachter überraschen mag. Sein Werk ist in größere Gruppen unterteilt. Er nimmt sich viel Zeit für die einzelnen Schritte von der Bildfindung bis hin zur Bildentwicklung, bei der er noch ganz den herkömmlichen, vordigitalen Techniken vertraut. Anders als seine Lehrer Bernd und Hilla Becher ent- wickelte er kein strenges Raster, so dass die Verbindung zwischen den Fotografien erst auf den zweiten Blick deutlich wird.  

Für seine erste große Museumsausstellung hat Elger Esser einen Querschnitt aus den zentralen Werkgruppen ausgesucht. Zudem bieten impressionistische Gemälde ebenso wie frühe Fotografien aus der Sammlung Herzog einen Zugang zu seinen Ar- beiten. Im direkten Vergleich mit Essers Werk schärfen diese Bilder den Blick für Fragen des Formats, der Farbigkeit und der Ausschnittwahl. Aber auch literarische Bezüge sind zum tieferen Verständnis von Elger Essers Werk wichtig. Deshalb er- scheint parallel zur Ausstellung ein umfassendes Textbuch mit zahlreichen Abbildun- gen und weiterführenden Essays, in dem die Bedeutung der Literatur – sei es Proust, Guy de Maupassant, Cees Nooteboom oder W. G. Sebald – für das Verständnis von Essers Arbeit erstmals ausführlich gewürdigt wird.  

 

Kontakt
Telefon: 49 (0) 711 - 216 21 88
Fax: 49 (0) 711 - 216 78 20
info@kunstmuseum-stuttgart.de

Öffnungszeiten
Di, Do bis So: 10 - 18 Uhr
Mi und Fr: 10 - 21 Uhr
Mo: Geschlossen
Feiertagsregelung:
Karfreitag, Heilig Abend und 1. Weihnachtsfeiertag, Silvester und Neujahr: geschlossen.
An allen übrigen Feiertagen ist das Museum von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Dies gilt auch für Ostermontag und Pfingstmontag.

Öffentliche Führungen (ohne Anmeldung)
Mi und Fr 18:00-19:00 Uhr

 


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