Wien
Heinz Cibulka Stadtquartette
Eine bedeutende Werkgruppe des Künstlers Heinz Cibulka ist in der Ausstellung „Stadtquartette“ erstmals vereinigt: Zu sehen sind 13 Bildgedicht-Zyklen, die jeweils einer bestimmten Stadt bzw. einem Stadtteil gewidmet sind. Er fotografierte etwa in Wien, Berlin, Rom, Moskau, Neapel, Antwerpen, Peking, Warschau, New York, Tokio und Mexiko City. Das städtische Erfahrungsfeld wird damit als ein Leitmotiv Cibulkas fassbar, das rund vier Jahrzehnte seines Schaffens umspannt. Bislang wurde seine künstlerische Arbeit primär mit dem ländlichen Raum assoziiert, mit dem er sich in frühen Bildgedichten, Performances und Materialbildern auseinandersetzte. Aus dem Korpus seiner Bildgedichte sind vor allem die 1983 unter dem Titel „Land-Alphabete“ zusammengefassten bekannt. In ihnen widmet sich Cibulka Existenziellem – „Töten, Fressen, Zeugen, Gebären“ – im Alltag von Landwirtschaft und Weinbau. Insgesamt schuf Cibulka bisher rund 65 Bildgedichtzyklen, mit zirka 1550 Bildgedichten und über 6000 eingesetzten Aufnahmen.
Seine „auf lange Sicht gültige“ Ausdrucksform entwickelte Heinz Cibulka 1974. Damals stellte er die ersten Bildgedichte aus vier im Rechteck angeordneten querformatigen Farbabzügen her – ein Konzept, aus dem sich sein gesamtes fotokünstlerisches Œuvre entfaltete. Cibulka arbeitet abseits traditioneller fotoästhetischer Strategien. Das fotografische Bild versteht er als Speicher unmittelbarer Erfahrung. Seine Aufnahmepraxis und Bildkonzeption sind nicht an den vorherrschenden Stilrichtungen und Genres, wie Autorenfotografie, Konzeptkunst oder Bildjournalismus, orientiert. So verzichtet er etwa auf die fotografischen Gestaltungmittel der abstrahierenden Verfremdung oder der szenisch spektakulären Zuspitzung. Die analoge Ausarbeitung der Prints überlässt Cibulka in den ersten Jahren der Bildgedicht-Produktion industriellen Labors.
Zwei Impulse waren für Cibulkas Konzeption der Bildgedichte entscheidend: Einerseits die Entwicklungen des Wiener Aktionismus, andererseits die Montageverfahren der literarischen und vor allem filmischen Avantgarde. Letztere wurde dem Künstler durch Peter Kubelka vermittelt und spiegelt sich in der spezifischen Zusammenführung der Aufnahmen zum Bildquartett wider. Damit entsteht ein „fünftes Bild“, das eine subtile Balance aus Korrespondenzen und Kontrasten zwischen den Einzelbildern kennzeichnet. Der Betrachter wird zu einer assoziativen Lesearbeit angeregt, die sich nicht mit Eindeutigkeit abschließen lässt. Weitere Bezüge zum Avantgardefilm manifestieren sich in Cibulkas Verwendung von „Found-Footage-Material“ – Buchillustrationen, Plakate, Fernsehbilder und Aufnahmen anderer Fotografen – sowie darin, dass er auch „misslungene“ (etwa überbelichtete) Fotografien in seinen Bilderpool aufnimmt.
Cibulkas Auseinandersetzung mit dem Wiener Aktionismus geht auf seine Zusammenarbeit mit Rudolf Schwarzkogler und Hermann Nitsch zurück, in deren frühen Aktionen er als Akteur fungierte. Ihre auf ein synästhetisches Gesamtkunstwerk zielende Kunstauffassung prägte Cibulka nachhaltig. In der Ausstellung lässt sich diese wichtige Anregung anhand von Werken des Wiener Aktionismus aus den Beständen der Fotosammlung WestLicht nachvollziehen. Darüber hinaus wird Cibulkas großformatiges Werk „Ein nach innen gerichteter Blick auf die äußere Erscheinung“ aus der 4-teiligen Serie „Geschichtes Gedicht“ gezeigt. Hier diskutiert er mit den Mitteln digitaler Bildcollage verschiedene Positionen der neueren österreichischen Kunstgeschichte, in denen der Körper zum Vehikel künstlerischen Ausdruckswillens wird. Der Film „Heinz Cibulka. TagTraumDeutung“ von Magdalena Frey, der im Rahmen der Ausstellung uraufgeführt wird, gibt einen umfassenden Einblick in die Arbeitszusammenhänge Cibulkas seit den Sechzigerjahren. Die letztgenannten Werke erweitern den Blick auf den Kontext der „Stadtquartette“, die im Zentrum der Ausstellung stehen.
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