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KOSMOS RUDOLF

KOSMOS RUDOLF STEINER

KOSMOS RUDOLF

Wohl kaum eine zweite Stadt in Deutschland ist so stark vom Gedankengut Rudolf Stei- ners geprägt wie Stuttgart: Hier hielt der ebenso einflussreiche wie umstrittene Be- gründer der Anthroposophie 1904 seinen ersten Vortrag, hier gründete er 1919 auf der Uhlandshöhe die erste Waldorfschule. Eine Vielzahl anthroposophischer Einrichtungen prägt seither die Identität der Stadt mit. Am 27. Februar 2011 jährt sich der 150. Ge- burtstag von Rudolf Steiner. Grund genug, dem »Kosmos Rudolf Steiner« gemeinsam mit dem Vitra Design Museum und dem Kunstmuseum Wolfsburg in einer umfangreichen Sonderschau nachzugehen. Auf rund 2.000 Quadratmetern macht die bislang größte Sonderausstellung des Kunstmuseum Stuttgart erstmals die kulturgeschichtliche Be- deutung Steiners und dessen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst umfassend sichtbar.

Das Kunstmuseum möchte mit der Gesamtschau Forum für eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema sein, weswegen »Kosmos Rudolf Stei- ner« von einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm begleitet wird. Um der Bedeutung Steiners für Stuttgart gerecht zu werden, legt das Kunstmuseum in Ergänzung der bei- den Ausstellungskataloge die Publikation »Rudolf Steiner in Stuttgart« vor.

Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags Ende des 19. Jahrhunderts hatte Rudolf Steiner (1861-1925) den Ruf eines anerkann- ten Goetheforschers, dessen naturwissenschaftliche Schriften er kommentiert und ediert hatte. Danach folgte sein Engagement in der Theosophischen Gesellschaft, deren esoterische Weltanschauung aus England importiert war und Anleihen aus sämtlichen Weltreligionen nahm. Nach Unstimmigkeiten wandte sich Steiner davon ab und gründete 1913 eine eigene Weltanschauungsbewegung, in der er den Men- schen mit Körper, Geist und Seele zum Zentrum seines Lehrgebäudes erklärte: die Anthroposophie.

In 300 Büchern und mehreren Tausend Vorträgen äußerte sich Steiner in den fol- genden Jahren zu allen wichtigen Lebensbereichen. Die Reformierung von Pädago- gik, Ernährung, Landwirtschaft, Medizin, Technik, Theologie aber auch der politischen Gesellschaftsordnung war ihm ein dringendes Anliegen. Kunst und Architektur wid- mete er sich seit 1910 intensiver; sie stellten für ihn die entscheidenden Bereiche dar, um seine neue Sichtweise für jeden erfahrbar zu machen. Steiner suchte den Kon- takt mit Künstlern, und viele waren in jener Zeit von seinem Gesamtkunstwerkgedan- ken fasziniert oder suchten wie Wassily Kandinsky ebenfalls das ›Geistige in der Kunst‹. Für die moderne Architektur sollte der zweite Bau des Goetheanums (1928), der erste Monumentalbau aus Beton, eine einflussreiche Vorbildfunktion bekommen. Aus den vielen markanten Ausstattungsstücken ziehen bis heute auch nicht- anthroposophische Designer Anregungen.

Anhand historischer Dokumente, Möbel, Filme und Architekturmodelle macht der vom Vitra Design Museum konzipierte Ausstellungsteil deutlich, wie umfassend der Steinersche Ansatz gewirkt hat, und dass sich sein ganzheitliches Denken gerade heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen wiederfindet. Ein Großteil der Leihgaben stammt aus dem Rudolf Steiner Archiv in Dornach sowie der Kunstsammlung Goe- theanum, die die Vorbereitung der Ausstellung durch Recherchen maßgeblich unter- stützt haben. Die bekannten Wandtafeln von Rudolf Steiner, mit denen er seine Vor- träge illustrierte, werden ebenfalls in einer repräsentativen Auswahl gezeigt.

Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart Über diese Wandtafeln, die erst lange nach seinem Tod wiederentdeckt wurden, ver- lief die Steiner-Rezeption einer jungen Künstlergeneration. Am Anfang stand Joseph Beuys, dessen Steiner-Lektüre in seinem Werk deutliche Spuren hinterlassen hat. In der Ausstellung »Kosmos Rudolf Steiner« werden neben Beuys 13 weitere Künstler gezeigt, die bislang kaum in diesem Kontext angesiedelt und interpretiert wurden. Doch durch die Begegnung von historischen Dokumenten mit zeitgenössischen Ex- ponaten werden Bezüge überraschend offensichtlich. Der isländische Künstler Ola- fur Eliasson beschäftigt sich beispielweise mit vielen Fragestellungen, die auch Stei- ner fesselten. Die Herangehensweise an naturwissenschaftliche Phänomene durch ästhetische Anschauung verbindet Steiner ebenso mit Eliasson.

Andere Künstler wie Claudia Wieser oder Bernd Ribbeck setzen sich mit der Vorstel- lung des Geistigen und dessen Verhältnis zur Materie auseinander. Bei Tony Cragg wird Steiners Idee der Metamorphose unter anderem Vorzeichen anschaulich. So- wohl auf inhaltlicher wie auf formaler Ebene sind die Verbindungen zum Kosmos Ru- dolf Steiner vielfältig. Dennoch verstehen sich alle eingeladenen Künstler, darunter Katharina Grosse, Carsten Nicolai, Anish Kapoor, Giuseppe Penone, Jan Albers und Manuel Graf, nicht als anthroposophische Künstler. Ihr Werk erschließt sich auch oh- ne den Bezug zu Steiner. Für die Ausstellung stellt sich deshalb vielmehr die überge- ordnete Frage, welche Funktionen Steiner und die besagten Künstler in ihrer Zeit einnehmen.








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