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Conditio human

Conditio humana So lebt der Mensch

Conditio human

Bedingt sein – weckt das nicht unangenehme Assoziationen von Abhängigkeit, Ausgeliefertheit, Unfreiheit? Dass Menschsein Bedingtsein heißt, machen wir uns nicht sehr oft deutlich. Aber wir fühlen es, wir sehen es, manchmal sogar mit einer unheimlichen Faszination, wie zerbrechlich, angewiesen und bedürftig das menschliche Dasein ist; wie es zwischen Armut und Luxus, Gesundheit und Krankheit, Glück und Verzweiflung hin- und hergerissen ist. Hannah Arendt hat anders über die conditio humana nachgedacht. Der klassischen „conditio“ der Sterblichkeit und Endlichkeit stellt sie die Natalität, die Geburtlichkeit, gegenüber. Ja, wir sind Sterbliche, aber genauso sind wir Wesen, die einen Anfang machen können. Und nur weil wir Sterbliche und Anfangende sind, die auf der Bühne der Welt auftreten, die als Neuankömmlinge ihren Faden in das Gewebe des Bestehenden hineinschlagen, die leben, wohnen, Werke hinterlassen, handeln und schließlich wieder verschwinden, kann man eine Geschichte über jeden einzelnen von uns erzählen.

Sieht man also näher hin, dann sind Bedingungen Ermöglichungen. Sie erschließen uns erst, was es heißt, auf diese bestimmte Weise zu sein. Neben der Natalität und der Mortalität nennt Arendt noch drei weitere Grundbedingtheiten des menschlichen Seins: Leben, Weltlichkeit und Pluralität. Ihnen korrespondieren drei Grundtätigkeiten: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Dabei ist es nicht so, dass zuerst die Bedingtheit „da“ wäre, auf die dann eine Tätigkeit folgt. Vielmehr vollzieht sich Leben (verbal gelesen) als Arbeiten – und als die Kehrseite des Arbeitens, das Ruhen, Verzehren, Konsumieren, Spielen, Zeugen. Unter der Bedingung des „Lebens“ versteht Arendt den biologischen Lebensprozess, den Stoffwechsel, das sich immer verzehrende und immer erneuernde Leben der Gattung, den großen Kreislauf der Natur. In der Tätigkeit des Arbeitens nehmen wir an diesem schieren Lebendigsein teil. Wir sind „animal laborans“.

Animal laborans arbeitet. Es konsumiert. Es ist in den Rhythmus des Lebens, der Gattung eingespannt, der keinen Anfang und kein Ende kennt. In einem ewigen Kreisen folgen immer wieder Mühsal (labor) und Ruhe, Arbeit und Verzehr, Tag und Nacht, Leben und Tod aufeinander, wie die Gezeiten des Meeres, wie die Jahreszeiten. Der ganze Kosmos ist ein Kreisen, in dem unsere kleinen Lebenswirbel sich drehen, fruchtbar werden, und in dem Prozess, der sie erhält, sich schließlich aufreiben und wieder in das große Ganze zurückfließen. Leben heißt, diesen Notwendigkeiten unbedingt unterworfen zu sein. Allerdings hat das Alte Testament auch den Segen, den das Arbeiten über ein ganzes Leben breiten kann, gepriesen: Er liegt in dem gleichmäßigen Rhythmus von Mühsal und Lohn, Arbeiten und Essen, Anstrengung und Ruhe, in der Freude an dem Funktionieren eines gesunden Körpers, in dem Kraftüberschuss, mit dem die Arbeit Mehrwert produziert und die Gattung fruchtbar ist. So lebt der Mensch? Nein. Animal laborans ist kein bestimmter Mensch. Animal laborans ist eine Perspektive.

Denn wir sind auch Weltwesen. Die Welt, das ist ein Ort, an dem wir wohnen können. Ein Beständiges, das wir erschaffen und gestalten, eine künstliche, kulturelle Welt von Dingen. Die Grundbedingung der Weltlichkeit ist unsere Angewiesenheit auf Gegenstände, die nicht bloß zum Lebenserhalt dienen und im Verzehr wieder verschwinden, sondern in denen menschliches Leben, das von Natur aus heimatlos wäre, zu Hause sein kann. Diese Grundbedingung vollziehen wir ganz konkret in der Tätigkeit des Herstellens (zu deren Umfeld auch das Bewahren, Nutzen, Gebrauchen und Betrachten gehören): als homo faber. Homo faber baut sich eine Welt. Er schafft ein Werk. Sowohl als artifex als auch als creator, ist er der Meister seines Gegenstands, bis zu der Möglichkeit, ihn wieder zu zerstören. Er erzeugt Welten des Eigensinns. Doch dieser Eigensinn ist immer auch Sinn für die Welt. Er ist Sinn für ein Wesen, dem es in seiner Individualität nicht genügt, am potenziell unvergänglichen Leben der Gattung teilzuhaben. Denn es hat eine Identität und eine Geschichte, die sich in seinen Werken manifestiert und die es damit auch immer neu stiftet: von Trinkgefäß bis zur Landschaftsgestaltung. Auch wenn das Herstellen von den Ressourcen der Natur abhängig und auf sie angewiesen ist, so ist es selbst nicht mehr Natur, denn es durchbricht den ewigen Kreislauf von Entstehen und Vergehen auf eine neue, lineare Zeitebene hin. Die Tätigkeit des Herstellens hat ihren eigenen Zeitablauf, sie hat einen Anfang und ein Ende. Zwar ist sie ist als Tätigkeit ein Prozess, doch keiner, der sich bloß selbst verzehrt und erneuert. An ihrem Ende steht ein Werk, das in die Welt freigegeben werden kann, das selbst „Welt“ ist, das sie bewusst gestaltet.


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