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bildender Künstler

Andreas Oehlert - Liaison

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    Andreas Oehlert - Liaison
    20.02.2016 - 27.03.2016
bildender Künstler

Andreas Oehlert hat zuletzt den Kulturpreis der Stadt erhalten. Das war zwar schon im Jahr 2014. Da die Kultur- und Kulturförderpreise seit einiger Zeit im zweijährigen Turnus vergeben werden, kann erst in 2016 ein weiterer Künstler ausgezeichnet werden. Es braucht einen mehr als einjährigen Vorlauf, um solche eine Ausstellung mit dem jeweils aktuellen Kulturpreisträger zu planen.

Mit Andreas Oehlert hat ein bildender Künstler jenseits aller Gattungsgrenzen ein Heimspiel. Er wurde 1966 in Fürth geboren, wo er nach wie vor lebt. Das sind, ob es gefällt oder nicht, keine guten Voraussetzungen, um gleichermaßen in der Metropolregion wie überregional bekannt zu werden. Doch seine Einzelausstellung 2010/11 im Neuen Museum Nürnberg war gewissermaßen der Ritterschlag. Wobei bereits eine Beteiligung 2004 im altehrwürdigen Londoner Victoria and Albert-Museum aufhorchen ließ. Übrigens im selben Jahr, in dem er mit seinen Kollegen aus dem damaligen Atelier Friedrichstraße einen ersten Auftritt in der kunst galerie fürth hatte: roomservice (c).

Das Selbstbildnis „Ohne Titel“ von 1991, aus einer Zeit also, lange bevor Andreas Oehlert 2004 intensiver mit dem Zeichnen begann, zeigt einen spindeldürren, bis auf eine die Augen bedeckende schwarze Kopfbinde nackten Homunkulus mit überlangen Armen, dem in Höhe der Oberarme zwei Wölkchen wie Flügel beigegeben sind. Das ätherisch-schwächliche, Mitleid erregende männliche Wesen schwebt beinlos über zwei tütenartigen, verschiedenfarbigen Gebilden, die sowohl an Seidenstrümpfe erinnern wie an Präservative oder an die zweifarbigen Beinkleider der Männer im 15. Jahrhundert. Die beinlose Figur wirkt, als sei sie diesen zwei Prothesen gerade entstiegen. Eine wesentlich jüngere Arbeit ist „Stagebeauty 5“ von 2008. Bei der Plastik, die diese Fotografie inszeniert, handelt es sich um eine Porzellanfigur aus der Zeit des 3. Reichs, die auf einem Sockel aus Ton vor einem dunklen Spiegel (einer schwarzen Spiegelfolie?) steht, in dem sie sich selbst betrachtet. Eine Ecke des Tonsockels wurde weggenommen - man sieht deutlich die Spuren der Finger -, und dem sog. Bamberger Reiter, als einer zur Zeit der Herstellung der Figur vorgeblichen Verkörperung des Arier- und Germanentypus, ins Gesicht geklatscht. Wodurch der Reiter erblindet ist. Zwischen den Arbeiten, die 17 Jahre trennen, entstehen mögliche Parallelen und Verbindungen, die keiner der beiden Arbeiten etwas nehmen, aber jeder etwas geben.

Das Beispiel zeigt das Muster, nach dem Andreas Oehlert seine Ausstellung in der städtischen Galerie geplant hat. So erlaubt uns diese mehr als nur einen Rückblick auf 25 Jahre seines künstlerischen Tuns. Oehlert wählt solche Arbeiten aus, die mit einer älteren oder jüngeren einen offensichtlichen Dialog eingeht, Arbeiten, bei denen unerwartete Koinzidenzen bestehen. Er hat es zu einem Markenzeichen gemacht, dass seine Ausstellungen zur Inszenierung des gegebenen Ausstellungsraums werden. Diese Haltung ist charakteristisch für Andreas Oehlert, sie steht auch ziemlich am Anfang seiner künstlerischen Arbeit. Wenn Fotografien oder Zeichnungen sein Oeuvre bereichern, darf nie vergessen werden, dass die Dinge, haptisch erfahrbare Objekte, den Nukleus bilden. Wobei Oehlert kein verhinderter Bühnenbildner ist, sondern mehr, nämlich ein Ein-Mann-Theater. Er baut ja Bühnen im wirklichen und im übertragenen Sinn für die von ihm erzählten Geschichten und für deren Inszenierung. Bemerkt wurde Andreas Oehlert bereits zu Studienzeiten wegen seiner Objekte und Installationen. Die Fotografie und die Zeichnung kamen später hinzu.

In dem Oberbegriff „Stagebeauty“ für die fotografierten Inszenierungen von Dingen steckt mehr als eine einzige Erklärung für das, was den Künstler antreibt und für die Botschaften, die er uns vermittelt. Zuerst sei der Begriff wörtlich genommen, woraus zu schlussfolgern ist, dass Oehlert sowohl die Bühne als Metapher für das gesellschaftliche Handeln nimmt, als auch, dass er an dem Begriff Schönheit und damit automatisch an dessen Gegenteil Interesse hat. Geht man dem Begriff der Bühnenschönheit nach, stößt man auf die Tatsache, dass zu Shakespeares Zeiten bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts hinein alle Rollen auf der Bühne von Männern gespielt wurden. An manchen Theatern hielt sich diese Sitte bis ins 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit gab es dann vor allem in der Oper die sogenannten Hosenrollen, bei denen Frauen Männer verkörperten. Mit der Bühne innig verbunden ist also die Travestie (d.h. die schönste Frau ist ein Mann, oder der schönste Mann ist eine Frau).

Es fällt leicht, dem andere Tendenzen im Werk von Oehlert unterzuordnen. Travestie im weitesten Sinn ist es, wenn Nippes und dekorative Scheußlichkeiten aus der Nachkriegszeit einen neuen Hintersinn bekommen, wenn die Intention von Kitschgegenständen ironisch gebrochen wird, wenn die Ausstellung wie erwähnt regelrecht choreographiert wird, wenn dem innigen Verhältnis zu Ornament, Dekor, Chichi, Flitter und Glamour Raum gegeben wird und Luftballons, falsche Wimpern, Pailletten, Kunstbäume, Discokugeln, Stofftiere oder synthetische Diamanten verwendet werden. So wird barocke Üppigkeit erzielt mit Materialien des 20. Jahrhunderts, aber dennoch der Wirkung des Barock (mit seiner Pracht oder Illusionsmalerei), nämlich dass der Schein enorm viel über das Sein aussagt.

Die „Stücke“, die auf diese Weise entstehen, sind in mehrerer Hinsicht bunt und vibrieren. Und sie changieren zwischen sanfter Melancholie und mühsam gebändigten Leidenschaften, zwischen humorvoller Abgründigkeit und subtilem Horror.

Hans-Peter Miksch






  • Die Galeriegründung war im Jahr1992. Jetzt ab Mitte September 2011 befinden sich unsere Räume auf...
  • 20.02.2016 - 27.03.2016
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    kunst galerie fürth »

    Mi-Sa 13-18 Uhr

    So+Fei 11-17 Uhr

     

    Eintritt € 3,- / erm. € 1,-



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  • Andreas Oehlert Stagebeauty 13, 2014, Pigmentdruck auf Papier, Alu Dibond  Foto: Annette Kradisch
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    kunst galerie fürth
  • Andreas Oehlert Erwartung 5, Aquarell auf Papier, 2015, 150 x 104 cm  Foto: Annette Kradisch
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