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Ethnografie

Gareth Kennedy: Die unbequeme Wissenschaft

Ethnografie

Die Dokumentation von Volkskultur in Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg war geprägt von ideologisch geleiteten Wissenschaftlern. Der irische Künstler Gareth Kennedy erkundet dieses diskussionsreiche Kapitel der Ethnografie in Südtirol. Mit künstlerischen Mitteln stellt er im Tiroler Volkskunstmuseum unbequeme Fragen zur Instrumentalisierung von Volkskultur.

INNSBRUCK. Das deutschsprachige, nach dem Ersten Weltkrieg von Italien annektierte Gebiet Südtirol wurde im Zuge des Faschismus und Nationalsozialismus zu einem Mittelpunkt ideologisch geleiteter Wissenschaften. Mit dem Hitler-Mussolini-Abkommen wurde die deutschsprachige Bevölkerung in Südtirol vor die Wahl gestellt. Entweder sie verließ ihre Heimat oder blieb und setzte sich sprachlicher und kultureller Unterdrückung und der Italianisierung aus. „Gareth Kennedy schafft es durch ausführliche Recherche und seinen persönlichen Blick auf die Vorkommnisse, dieses heikle Thema der Südtiroler Geschichte aufzubereiten und auf ästhetische Art zugänglich zu machen“, betont PD Dr. Wolfgang Meighörner, Direktor der Tiroler Landesmuseen, und fährt fort: „Dieses Kunstprojekt verdeutlicht, dass das Tiroler Volkskunstmuseum nicht nur ein Ort für ethnografisch ausgerichtete Ausstellungen, sondern auch für künstlerische Interventionen und Diskussionsforen offen ist.“

Ideologisch geprägte Forschung
Italienische Geografen sowie österreichische Ethnologen waren damals bestrebt, die „wahren Ursprünge“ von Kultur und Bevölkerung in Südtirol zu dokumentieren. Dieser Teil der Geschichte beginnt mit Ettore Tolomei, dem Leiter des Commissariato Lingua e Cultura per l‘Alto Adige. Der faschistische Senator war u. a. für das 32-Punkte-Programm zur Italianisierung Südtirols verantwortlich. Konträr arbeitete die Südtiroler Kulturkommission im Auftrag des SS-Ahnenerbes zwischen 1940 und 1943, die das „Deutschtum“ Südtirols dokumentieren sollte.

Diese Instrumentalisierung von Folklore löst unter WissenschaftlerInnen auch heute noch heftige Diskussionen aus. „Die Debatten sind Teil des Konzepts von Gareth Kennedy und veranlassen ihn, auf kreative Weise unbequeme und tabuisierte Fragen zu stellen“, betont Mag. Karl C. Berger, Leiter des Tiroler Volkskunstmuseum, und ergänzt: „Die Präsentation im Volkskunstmuseum erfolgt in Kooperation mit dem Künstlerhaus Büchsenhausen. Der Künstler setzt hierfür seine 2014 in Bozen begonnene Forschung fort.“

Inszenierte Volkskunde
Im Auftrag der ar/ge kunst in Bozen recherchierte Kennedy 2014 in einem einjährigen Forschungsprojekt zu diesem heiklen Teil der Südtiroler Vergangenheit. Er traf WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen, aber auch Handwerker und Maskenschnitzer, um die zeithistorischen Ereignisse besser zu verstehen. Ein großes Untersuchungsfeld sah Kennedy in der Südtiroler Kulturkommission. In einer groß angelegten Feldforschung dokumentierte die Kulturkommission penibel die materiellen Güter sowie Sprach-, Musik- und Volksbräuche der Bevölkerung. Ihre Kultur sollte erhalten und „gesäubert“ und nach der geplanten Umsiedelung in besetzte Gebiete Osteuropas wieder zugänglich gemacht werden.

Holzmasken als Requisiten zur Darstellung der kontroversen Geschichte
Kennedy will mit seiner „Unbequemen Wissenschaft“ Rituale und Traditionen Südtirols nicht primär ethnografisch, sondern in einem ästhetischen Sinn erfassen und neue Assoziationen in Gang setzen. Nach Besuchen von Archiven und Museen in Bozen, Innsbruck und Wien definierte Kennedy für sein Projekt fünf Persönlichkeiten, die für die anthropologische Wissenschaft in Tirol in der Zeit von Bedeutung waren: Bronislaw Malinowski (1884–1942), Alfred Quellmalz (1899–1979), Arthur Scheler (1911–1981), Ettore Tolomei (1865–1952) und Richard Wolfram (1901–1995). Diese Personen wollte Kennedy in Form von Holzmasken in der Ausstellung präsent machen. Dafür beauftragte er fünf Holzschnitzer aus Südtirol, deren Arbeit er im Hinblick auf die damaligen Dokumentationsmethoden auf 16 mm Filmen festhielt.

Volksmusik und Bräuche in Ton und Bild
Alfred Quellmalz war ein deutscher Musikwissenschaftler. Im Auftrag der Kulturkommission sammelte er von 1940 bis 1942 Volksmusik in Südtirol. Kennedy greift für sein Kunstprojekt auf Originalaufnahmen aus der Quellmalz-Sammlung zurück. Ein wesentlicher Exponent der Forschungsgemeinschaft SS-Ahnenerbe war der österreichische Volkskundler Richard Wolfram, der von 1939 bis 1943 die Südtiroler Kulturkommission leitete. Er organisierte, inszenierte und dokumentierte Aspekte „volksdeutschen“ Kulturguts in Filmen. In der Ausstellung zu sehen sind Filme von Wolfram, die z. B. den Almabtrieb und Rasierertanz in Layen oder eine Hochzeit in Gröden festhalten.

Unterschiedliche Positionen
Große Bedeutung misst Kennedy dem Fotografen Arthur Scheler bei, der eigenständig Aspekte der Tiroler Kultur dokumentierte, ehe er 1938 aus Südtirol floh. Kennedy präsentiert dessen  Artikel, der 1940 in der Zeitschrift Germanien des SS-Ahnenerbes erschien. Scheler unterstützt darin die Idee, dass die Heimat an einem anderen Ort neu erfunden werden könne.
Ideologisch geleitete Forschungen betrachtete der polnische Sozialanthropologe Bronislaw Malinowski hingegen besonders kritisch. Gegen Ende der 1930er Jahre hielt er in den USA eine Vortragsreihe mit dem Titel „Nazism as Modern Magic“ ab. Der europäischen Ethnologie attestierte er eine Distanzlosigkeit zu Faschismus und Ideologie.






  • 14.10.2016 - 29.01.2017
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    Tiroler Landesmuseen »

    PREIS Eintritt frei
    Von Mittwoch bis Montag von 9 – 17 Uhr geöffnet.



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