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Pforzheim

Eröffnung der Neupräsentation des Nachlasses Herion

Pforzheim

Ein achteckiges Amulettkästchen in Silber und Türkis, scheinbar aus zwei sich kreuzenden Quadraten gebildet - es nennt sich Ga'u und wurde im 20. Jahrhundert in Lhasa gefertigt. Ihm zur Seite eine blaue Brosche ähnlicher Größe aus feinmaschigem blauem Stahlgewebe und Silber von Than Truc Nguyen, die 2012 in Berlin entstanden ist. Die zwei Objekte haben Gemeinsamkeiten in Farbe und Form; beide haben einen blauen Farbton und eine geometrische Grundstruktur. In der Aussage jedoch unterscheiden sie sich: Hier ein Amulettkästchen, das ursprünglich von Tibeterinnen der Aristokratie getragen wurde und sowohl Böses abwehren als auch Schützendes heraufbeschwören soll; dort zeitgenössischer Schmuck, dessen Moiré-Effekt mit Schein und Sein spielt und je nach Lichteinfall den Anschein eines glänzenden Edelsteins erweckt. Diese Zusammenstellung mag ungewohnt sein und erstaunen, sie lädt jedoch dazu ein, die einzelnen Objekte in ihrer Eigenart zunächst auf sich wirken zu lassen. »Wir präsentieren die Objekte anhand übergreifender Gestaltungsprinzipien«, erläutert Museumsleiterin Cornelie Holzach. Gemeinsamkeiten und Unterschiede, über vermeintliche Grenzen wie Kultur, Region oder Epoche hinweg, stehen im Fokus der Neupräsentation des Nachlasses Herion, die ab Anfang Dezember 2021 im Schmuckmuseum Pforzheim zu sehen sein wird.

Die ethnografische Sammlung »Eva und Peter Herion« war zunächst eine Dauerleihgabe und gehört nun zum Bestand des Museums. Teile der Sammlung wurden zur Eröffnung des 2006 neugestalteten Schmuckmuseums mit dem Themenschwerpunkt Afrika und Asien eingerichtet. Damals als wechselnde Ausstellung konzipiert, wird sie nun mit einem grundsätzlich neuen Ansatz umgestaltet. Die seit einigen Jahren geführte Diskussion über den Umgang mit ethnografischen Artefakten macht eine neue Sichtweise auch auf den außereuropäischen Schmuck notwendig. Wesentlich ist dabei, die Objekte aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Der kulturelle und historische Kontext ist ebenso von Bedeutung wie der künstlerische Anspruch oder die globale Schmuckgeschichte. Objekte aus allen Sammlungsbereichen, ob historisch, zeitgenössisch oder ethnografisch, werden daher in Dialog miteinander gebracht. »Wir zeigen die ethnografischen Objekte nicht mehr in dem ihnen lange Zeit zugeteilten Kontext, also als etwas, das unserer abendländischen Kultur als etwas Fremdes gegenübersteht, sondern binden sie ein in das übergeordnete Thema ›Phänomen Schmuck‹«, führt die Schmuckexpertin aus. Besuchern bietet dies die Möglichkeit, in einer Zusammenschau sehr viel unterschiedlichen Schmuck auf sich wirken zu lassen, der nicht nach bisher üblichen Kriterien kategorisiert ist. So lassen sich vielfältige, neue Perspektiven kennenlernen oder auch selbst entwickeln.

Mit einer üppigen Vielfalt weckt die neugestaltete Ausstellung Lust, sie zu erkunden. Gleich einer Vitrine in einer Wunderkammer lockt ein »Wimmelbild aus Schmuck« in den Raum hinein. In den umlaufenden Vitrinen werden die Exponate nach ästhetischen, funktionalen oder technischen Gesichtspunkten eingeordnet sowie kulturell, geografisch und zeitlich präsentiert. Ausgangspunkt dafür sind grundlegende Kriterien wie Form und Material und daraus resultierende Unterkriterien, beispielsweise Oberflächengestaltung oder Farben. Diese Aspekte offenbaren sich dem Besucher erst auf den zweiten Blick, und es entstehen Momente der Überraschung oder des Innehaltens, ehe man möglicherweise vorschnell zuordnet. So sieht der Betrachter in der Vitrine zu »Rot« einen Brustschmuck aus einem großen sichelförmigen Perlmuttstück, das mit Rotholzpulver gefärbt ist. Er nennt sich Kina und stammt von den Mendi im Hochland Papua Neuguineas, aus dem 20. Jahrhundert. In derselben Vitrine befindet sich ein nabatäisch-hellenistischer Lunula-Anhänger, also ebenfalls halbmondförmig, aus dem zweiten bis ersten Jahrhundert vor Christus aus Gold und Granat. Beide ähneln einander in Farbe und Form, sind in Bedeutung, Herkunft und Machart jedoch gänzlich verschieden, wie Vertiefungstexte den Besuchern verraten. Das Perlmuttornament ist ein begehrtes Tauschobjekt, das bei besonderen Tanzanlässen auf der Brust getragen wird. Je strahlender das Rot, desto höher der Wert. Um die Muscheln zu verschönern, werden sie daher oft übermalt. Lunula-Anhänger dagegen waren sowohl im Neuen Reich Ägyptens als auch im Hellenismus als unheilabwehrende Amulette beliebt.

Dieses Ausstellungskonzept wird durch die Gestaltung des Raumes unterstrichen: Ein Netz aus Linien zieht sich kreuz und quer über die Vitrinen und schafft Verbindungen oder Kreuzungspunkte. Die Idee dahinter setzt sich in die anderen Bereiche der Dauerausstellung fort, denn auch dort wird sich in einigen Vitrinen ethnografischer Schmuck finden. Damit kommt dem neugestalteten Raum eine weitere Funktion zu: Er führt in das Thema Schmuck und das Sich-Schmücken ein.

Das Ziel, die Herion-Sammlung in Dialog mit der historischen und modernen Sammlung des Hauses zu präsentieren, ist ganz im Sinne der Sammler. Dem Pforzheimer Ehepaar Eva und Peter Herion, die in der Zeit von 1970 bis etwa 2006 unterschiedlichste Schmuckstücke auf Reisen vor allem nach Afrika und Asien erworben haben, lag an Schmuck in all seiner Vielfalt. Peter Herion war Unternehmer, Goldschmied und Künstler, und beide hatten sie großes Interesse an außereuropäischen Kulturen und deren Kunstschaffen.






  • 05.12.2021 - 31.12.2022
    Ausstellung »

    Öffnungszeiten des Schmuckmuseums Pforzheim Di bis So und feiertags 10 bis 17 Uhr (außer Hl. Abend und Silvester) | Eintritt in die Dauerausstellung 4,50 €, ermäßigt 2,50 €, z.B. mit der SWR2- Kulturkarte, 6 € Kombiticket mit dem Technischen Museum der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie, bis 14 Jahre und mit Museums-Pass-Musées frei | Gruppenführungen auf Anfrage | Öffentliche Führung durch die Dauerausstellung sonntags 15 Uhr, 6,50 €, ermäßigt 4,50 € | Medien- bzw. Kulturpartner des Schmuckmuseums sind Pforzheimer Zeitung und SWR2 | Weitere Informationen unter www.schmuckmuseum.de



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  • Halsschmuck »Kina« Perlmutt mit Rotholzpulver, Textil Mendi, Papua Neuguinea, 20. Jh. Sammlung Eva und Peter Herion im Schmuckmuseum Pforzheim Foto Petra Jaschke; Lunula-Anhänger Gold, Granat Nabatäisch-hellenistisch, 2. bis 1. Jh. v. Chr. Schmuckmuseum Pforzheim Schenkung von ISSP Foto Nick Bürgin
    Halsschmuck »Kina« Perlmutt mit Rotholzpulver, Textil Mendi, Papua Neuguinea, 20. Jh. Sammlung Eva und Peter Herion im Schmuckmuseum Pforzheim Foto Petra Jaschke; Lunula-Anhänger Gold, Granat Nabatäisch-hellenistisch, 2. bis 1. Jh. v. Chr. Schmuckmuseum Pforzheim Schenkung von ISSP Foto Nick Bürgin
    Schmuckmuseum Pforzheim Reuchlinhaus
  • Amulettkästchen »Ga’u« Silber, Türkis Tibet, Lhasa, 20. Jh. Sammlung Eva und Peter Herion im Schmuckmuseum Pforzheim Foto Petra Jaschke; Brosche »Moiré« Silber, pulverbeschichtetes Edelstahlgewebe Thanh-Truc Nguyen, Berlin, 2012 Schmuckmuseum Pforzheim Schenkung von ISSP/Förderankauf »Junge Schmuckkunst im Museum« 2014
    Amulettkästchen »Ga’u« Silber, Türkis Tibet, Lhasa, 20. Jh. Sammlung Eva und Peter Herion im Schmuckmuseum Pforzheim Foto Petra Jaschke; Brosche »Moiré« Silber, pulverbeschichtetes Edelstahlgewebe Thanh-Truc Nguyen, Berlin, 2012 Schmuckmuseum Pforzheim Schenkung von ISSP/Förderankauf »Junge Schmuckkunst im Museum« 2014
    Schmuckmuseum Pforzheim Reuchlinhaus