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World Press Photo: Fake News und globale Diversit

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    09.09.2022 - 31.10.2022
    WestLicht »
Fotografie

Ab 9. September präsentiert WestLicht zum bereits 21. Mal die Gewinner:innen des World Press Photo Contest. Die wichtigste Leistungsschau der internationalen Pressefotografie überrascht diesmal mit gleich mehreren Neuerungen.

Die Entdeckung eines Massengrabes auf einem Schulgelände hatte ganz Kanada erschüttert - und das Bild, in dem die kanadische Fotografin Amber Bracken die Geschichte der 215 dort verscharrten Kinder erzählt, sorgte auf der ganzen Welt für Betroffenheit.

Das Foto mit dem Titel „Kamloops Residential School“ wurde erstmals in der New York Times veröffentlicht und zeigt eine Reihe schlichter, mit roten Kleidern behängter Holzkreuze vor einem Gewitterhimmel und einem Regenbogen. Dass es das erste Siegerfoto in der Geschichte des World Press Photo Contest ist, auf dem kein einziger Mensch zu sehen ist, tat der Eindringlichkeit keinen Abbruch. „Es ist ein Foto, das sich ins Gedächtnis einbrennt“, begründete die Juryvorsitzende Rena Effendi die Wahl. „Ein stiller Moment der globalen Abrechnung mit der Geschichte der Kolonisierung, nicht nur in Kanada, sondern weltweit“.

Das Kamloops Internat in British Columbia war Teil des kanadischen Residential School Systems, das auf die Zwangsassimilierung der indigenen Bevölkerung ausgerichtet war. Die dort unterrichteten Kinder wurden dauerhaft und mit Gewalt von ihren Eltern getrennt, durften ihre angestammte Sprache nicht verwenden und waren darüber hinaus auch physischem Missbrauch ausgesetzt. Im Mai 2021 fanden die Behörden bei der Untersuchung des Schulgeländes mit einem Bodenradar die Gräber von 215 Kindern.

Neben dem ungewöhnlichen Siegerbild wartet die diesjährige Leistungsschau der internationalen Pressefotografie noch mit einer weiteren inhaltlichen Überraschung auf. Das Projekt des norwegischen Magnum Fotografen Jonas Bendiksen wurde als bester europäischer Beitrag in der Kategorie Open Format ausgezeichnet und thematisiert die Produktion von Fake News in der nordmazedonischen Provinzstadt Veles, die 2016 als weltweites Zentrum für die Herstellung von Falschmeldungen in die Schlagzeilen geriet.

Sechs Monate nach Veröffentlichung der Serie enthüllte Bendiksen, dass seine Bilder selbst Fälschungen sind. Er hatte in Veles lediglich leere Zimmer fotografiert, diese in 3D-Räume umgewandelt und sie mit ausschließlich computergenerierten 3D-Modellen bevölkert. „Der Fotograf stellt auf intelligente Weise dar, was es bedeutet, in einem Zeitalter der Desinformation zu leben“, begründete die sonst gegen jede Form von Bildmanipulation auftretende Jury ihre ungewöhnliche Entscheidung. „Er nutzt die Fotografie, um den Zustand der Fotografie zu kommentieren und zeigt in einer Art Meta-Analyse auf, wie anfällig wir in einer sich wandelnden Branche für falsche Einflüsse sind“.

Bendiksen, der WestLicht im Oktober für einen Vortrag über das Phänomen Fake News besuchen wird, erklärt seine Motivation so: „Ich begann mir die Frage zu stellen: Wie lange wird es dauern, bis wir ‚dokumentarischen Fotojournalismus‘ sehen, der keine andere Grundlage in der Realität hat als die Fantasie des Fotografen und eine leistungsstarke Computergrafikkarte? Werden wir in der Lage sein, den Unterschied zu erkennen? Wie schwer ist es, sowas zu machen? Ich war so erschrocken über die möglichen Antworten, dass ich beschloss, es selbst zu versuchen“.

„Die World Press Photos sind seit 21 Jahren immer wieder ein Highlight in unserem Programm“, sagt WestLicht-Gründer Peter Coeln. „Mit dem geänderten Auswahlverfahren sind die WPP 22 noch globaler und diverser geworden und bringen diesmal wirklich alle Teile dieser Welt nach Wien. Ich bin sicher, dass wir damit noch mehr und vor allem junge Menschen für die Fotografie begeistern können“.

Mit dem erstmals seit vielen Jahren geänderten Jury-Modus wollte die World Press Foundation, die den Bewerb seit 1955 ausrichtet, dem Umstand begegnen, dass die bisherigen Siegerbilder überwiegend aus Europa oder Nordamerika kamen, während der globale Süden tendenziell unterrepräsentiert blieb.

Statt wie bisher nach inhaltlichen Kategorien wurden die eingereichten Arbeiten diesmal daher zunächst in sechs Weltregionen – Afrika, Asien, Europa, Nord- und Mittelamerika, Südamerika sowie Südostasien und Ozeanien – bewertet. In einem zweiten Schritt wählte die Jury aus den jeweils vier besten Einzelbildern, Serien, Langzeitprojekten und offenen Formaten dann die globalen Preisträger:innen. „Die Diskussionen der regionalen Jurys haben gezeigt, warum es wichtig ist, die unterschiedlichen Ästhetiken, Bedrohungen, Herausforderungen, Dringlichkeiten und Stereotypen zu verstehen und warum z.B. eine Überschwemmung in Europa etwas Außergewöhnliches ist, während sie in einer anderen Region als normal angesehen wird“, zeigt sich die Direktorin der World Press Photo Stiftung, Joumana El Zein Khoury zufrieden.

Im Ergebnis werden globale Themen wie die Klimakrise und ihre Folgen in der diesjährigen Ausstellung tatsächlich aus den unterschiedlichsten regionalen Perspektiven – von den verheerenden Waldbränden in Griechenland über das Schmelzen der Permafrostböden in Ostsibirien bis zur Ausbeutung des Amazonas-Regenwaldes – beleuchtet.

Insgesamt sichtete die Jury fast 65.000 Fotos von mehr als 4.000 Fotograf:innen aus 130 Ländern. Die rund 140 preisgekrönten Bilder sind alle in der WestLicht-Ausstellung zu sehen und tragen die Besucher:innen vom Angriff auf das Kapitol in Washington in das Ariana-Kino von Kabul, das nach dem Einmarsch der Taliban geschlossen wurde oder von den blutig niedergeschlagenen Protesten nach dem Militärputsch in Myanmar bis ins Herz der mexikanischen Opiumproduktion.






  • 09.09.2022 - 31.10.2022
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    WORLD PRESS PHOTO 22 Ab 09.09.2022
    ÖFFNUNGSZEITEN
    täglich 11–19 Uhr donnerstags 11–21 Uhr



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