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Ernst Leitz


Eine Notiz im Werkstattbuch belegt: Spätestes im März 1914 – vor genau 100 Jahren also – hatte Oskar Barnack, seinerzeit Leiter der Versuchsabteilung bei den Optischen Werken Ernst Leitz in Wetzlar, das erste funktionstüchtige Modell einer Kleinkam- era für 35 mm-Kinofilm fertiggestellt. Einen Na- men hatte das Produkt noch nicht. Aber die Koor- dinaten waren klar. Was Barnack vorschwebte, war eine kleine, leichte, heute würden wir sagen: er- gonomische Foto-Kamera, die unter Verwendung von konfektioniertem (also lieferbarem und damit vergleichsweise billigem) Kino- oder Fliegerfilm schnelles, im Wortsinn unbeschwertes Fotografi- eren in Serie erlaubte. „Kleines Negativ – großes Bild“ war die Devise, wobei Barnack – und dies ist sicher als weiterer Geniestreich anzusehen – das Negativformat (verglichen mit dem Kinobild) auf 24 x 36 mm verdoppelte, um so – bei Beibehal- tung der Kameradimensionen – zu einem deutlich größeren Negativ zu kommen. Definiert war so auch das bis heute geläufige, fürs Kleinbild typis- che Seitenverhältnis 2 : 3.

Mit der kriegsbedingt erst 1925 eingeführten Leica (= Leitz / Camera) war nicht einfach ein neuer Fo- toapparat erfunden. Die kleine, verlässliche, stets einsatzbereite, mit einem von Max Berek eigens gerechneten Hochleistungsobjektiv ausgestattete Leica markiert einen Paradigmenwechsel in der Fotografie. Nicht nur gestattete sie fotografiere- nden Amateuren, Quereinsteigern, emanzipierten Frauen einen leichteren Zugang zur (auch profes- sionell betriebenen) Fotografie. Mit der bequem in der Manteltasche zu tragenden Leica (mit ihrem versenkbaren Objektiv!) war das Fotografieren zum selbstverständlichen Teil des Alltags ge- worden. Vergleichbar den mit Fotofunktion aus- gestatteten Handys unserer Tage, avancierte die Leica zum ständigen Begleiter, nicht nur von ambi- tionierten Amateuren. Auch eine neue Generation von Pressefotografen setzte auf die Leica. Nicht zuletzt, weil durch sie das Prinzip der Reportage, der Erzählung in sich ergänzenden Einzelbildern kongenial umzusetzen war.

Und noch etwas kommt hinzu: Die Leica gestattete oder besser: sie provozierte eine Neue Art des Se- hens. Kaum zufällig kam sie in der Zeit zwischen den Weltkriegen auf den Markt. Politisch hatten der Erste Weltkrieg, die deutsche November- und die russische Oktoberrevolution neue Fakten ge- schaffen. Die gefügte soziale Ordnung war zerbro- chen. Der rasante technische Fortschritt fand sein- en sichtbarsten Ausdruck im Auto, im Flugzeug, im Wolkenkratzer. Die Künste reagierten mit Kon- struktivismus, Dadaismus, Futurismus. „Es kommt der neue Fotograf!“ lautete nicht zufällig der Titel eines programmatischen Buches, erschienen 1929, das die neue Fotografie seit 1918 bilanzierte. Die Rede war von einem „Entfesselten Blick“, von ei- nem „Neuen Sehen“. Die von Oskar Barnack en- twickelte, von Ernst Leitz II 1924 auf den Weg ge- brachte Leica war die Antwort der Fotografie auf die phänomenologischen Bedürfnisse einer neuen, temporeichen Zeit.

VON DER IDEE ZUM PRODUKT 1914-1925
Vor allem durch ihre Mikroskope (unabdingbares Hilfsmittel in den Naturwissenschaften) hatten sich die Optischen Werke Ernst Leitz in Wetzlar seit Mitte des 19. Jahrhunderts international einen Namen gemacht. Die Entwicklung einer Kleinkam- era entsprach zunächst Oskar Barnacks fotografis- chen Interessen. Ihre Markteinführung 1925 unter dem mittlerweile gefundenen Namen „Leica“ war dann der risikoreiche Versuch, der wirtschaftlichen Krise der 20er Jahre durch ein neues Konsumgut zu begegnen. Dabei lancierte Leitz nicht allein eine neue Kamera. Auf den Weg gebracht wurde ein fotografisches System mit Wechselobjektiven, Tageslichtkassetten, Vergrößerungsgeräten und Diaprojektoren. Um die Idee zu popularisieren, galt es auch mit Blick auf den Vertrieb, die Wer- bung oder Schulung von Amateuren neue Wege zu beschreiten.

Exponate: Erste Fotografien von Oskar Barnack (1914) und Ernst Leitz II (USA 1914). Notizzettel Oskar Barnack, Konstruktionszeichnungen, Bilder aus der Fertigung, Gravurenbuch, Mikroskope, Ur- Leica, erste Serienkamera (Nr. 126), Lieferbücher, Werbemittel



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