Franz Marc Museum
Ich ist ein anderer – Gesichter einer Epoche Kirchner, Klee, Picasso
Die Entwicklung des Bildnisses in der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt eine Sicht des Menschen, der sich der eigenen Identität nicht mehr sicher sein kann. Angelehnt an ein Zitat des französischen Dichters Arthur Rimbaud, der bereits 1871 das Befremden dem eigenen Handeln und Befinden gegenüber in dem Satz „Ich ist ein anderer“ ausdrückte, zeigt das Franz Marc Museum eine Ausstellung mit Bildnissen aus einer Epoche des gesellschaftlichen und künstlerischen Umbruchs. Zwischen dem kubistisch inspirierten Portrait der „Fernande“ (1909) von Pablo Picasso und einer Serie gezeichneter Physiognomien Paul Klees von 1939 wird ein Panorama des Bildnisses in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfaltet.
Im Herbst 1909 entsteht unter den Händen Pablo Picassos das entscheidende plastische Werk des frühen Kubismus, das Bildnis seiner Geliebten Fernande. Der in Ton modellierte und dann von Ambroise Vollard in Bronze gegossene Kopf steht am Ende einer Reihe von Akten und Bildnissen, die Picasso im Laufe des Sommers in Spanien von seiner jungen Begleiterin schuf. Es ist der Abschluss einer intensiven Auseinandersetzung Picassos mit dem Spätwerk Cézannes, dem „Vater“ der Moderne, dessen künstlerische Neuansätze Picasso radikalisiert, indem er Raum und Volumen in weit stärkerem Maße auflöst und den Betrachterstandpunkt vervielfacht. Das Werk richtet sich nicht an einen, für die zentrale Stellung des Menschen im Universum repräsentativen Rezipienten. Es relativiert dessen Identität ebenso wie die der Dargestellten. Die tiefe Melancholie des Bildnisses der Fernande scheint begründet in dieser Unmöglichkeit, den Menschen als ganzheitliches, in sich ausgewogenes Wesen noch zu begreifen und in seiner äußeren Erscheinung wieder erkennbar darzustellen.
Die in der Ausstellung aufeinander treffenden Gesichter scheinen dem Besucher nicht nur fremd und beunruhigend, sie bringen auch das Befremden der Dargestellten dem eigenen Handeln und Befinden gegenüber zum Ausdruck. Dahinter steht die Frage nach der eigenen Identität, die in einer Welt der sich auflösenden sozialen Strukturen und moralischen Normen, der Technisierung und der Massenproduktion sowie neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, die bis dahin gültige Wahrheiten in Frage stellten, zunehmend dringlicher wurde.
Im deutschen Expressionismus, in Werken von Heckel, Kirchner, Pechstein, Meidner, Lehmbruck, Kokoschka oder Modersohn-Becker finden diese neuen und beunruhigenden Existenzbedingungen des Menschen ihren Niederschlag, indem die äußere Erscheinung der Dargestellten zum Spiegel ihrer inneren Verfassung wird. Die Verzerrungen, Brüche, farblichen Verfremdungen, dramatischen Belichtungen und räumlichen Verhältnisse entsprechen nicht nur den Abgründen der menschlichen Natur, sie sind darüber hinaus Ausdruck einer künstlerischen „Vision“, eines Gefühls, das die reale äußere Erscheinung des Modells „durchdringt“. Die frühen, vor 1914 entstandenen Bildnisse Jawlenskys lassen dies gut nachvollziehen. Ihre Wirkung basiert auf der atmosphärischen Kraft der ungetrübten Farbe und einer abstrakten, durch schwarze Umrisse unterstrichenen Struktur. „Äpfel, Bäume, menschliche Gesichter sind für mich nur Hinweise, um in ihnen etwas anderes zu sehen: das Leben der Farbe erfasst von einem Leidenschaftlichen, einem Verliebten.“ Die nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen „abstrakten Köpfe“ des Malers basieren ausschließlich auf der Wirkung der Farben, die im Zusammenspiel mit den zeichenhaft angedeuteten, entindividualisierten Gesichtszügen als abstrakte „Stimmungsbilder“ zu verstehen sind. Jawlenskys „Meditationen“ der Dreißigerjahre schließlich spiegeln jedes menschliche Gesicht im Antlitz Christi, in einer abstrakten, dunklen Farb- und Linienstruktur, die wie eine Ikone von innen zu leuchten scheint.
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