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HINTERM NISCHEL

Unmittelbar nach der Bundestagswahl zeigen die Kunstsammlungen Chemnitz im Chemnitz Open Space die von Kasper König und Annabell Burger kuratierte Ausstellung Hinterm Nischel. Die Veranstaltung ist als konzertierte Pop-up-Ausstellung gedacht. Vier Tage lang werden im Schauraum in der »Parteisäge« hinter dem monumentalen Karl-Marx-Kopf sieben künstlerische Positionen präsentiert: Anetta Mona Chişa und Lucia Tkáčová, Laura Horelli, Osmar Osten, Anna Steinherz, Hito Steyerl, SUSI POP und Joerg Waehner.

Anliegen der Ausstellung ist es, in einem Zustand der politischen Offenheit nach der Wahl, einen Dialog über sozialen Zusammenhalt und Solidarität, die in unse- rer Gesellschaft brüchiger denn je scheinen, zu initiieren – an diesem historisch und politisch aufgeladenen Ort.

Selfies (2021), ein magentafarbener Siebdruck-Fries von SUSI POP, zeigt verschiedene Personen, die sich mit ihren Handykameras in Gesellschaft einer lächelnden, entspannt wirkenden Bundeskanzlerin ablichten. Dabei handelte es sich vielfach um geflüchtete Menschen, die im Herbst 2015 Deutschland er- reichten. Die im Zuge von Angela Merkels Willkommenskultur entstandenen Schnappschüsse gingen, begleitet von ihrem legendären Satz »Wir schaffen das«, um die Welt. Sie wurden zu ikonischen Sinnbildern für eine Politik der Soli- darität und Humanität, die in Teilen der Bevölkerung jedoch auch auf Widerstand stieß. Mit Selfies schaffen SUSI POP ein fragmentarisches Epochenbild, in dem sich die erste langjährige Kanzlerinnenschaft, die explosionsartige Entwicklung sozialer Medien und die Dokumentation der Migrationsereignisse 2015 verdich- ten.

Hito Steyerls Film Empty Centre (1998) verknüpft in einer vielschichtigen Collage aus Found Footage und selbst gedrehten Sequenzen Vergangenheit, Gegenwart und Hito Steyerls Film Empty Centre (1998) verknüpft in einer vielschichtigen Collage aus Found Footage und selbst gedrehten Sequenzen Vergangenheit, Gegenwart Joerg Waehners Skulptur MIES meets MARX »Revolutionsdenkmal in Plattenbau- weise« (2021) wird neben dem Karl-Marx-Kopf – von den Chemnitzern auch Ni- schel genannt – aufgestellt. Der Künstler schafft mit der Skulptur in Form einer Bar einen sozialen Ort, der zu Gesprächen über Kunst und unsere gegenwärtige gesellschaftliche Situation einlädt. Sein Thema ist die sinnliche Wahrnehmung von Geschichte in all ihren Facetten. Im Rahmen der Ausstellung erscheint seine Künstlerpublikation I was born in Karl-Marx-Stadt beim Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln.

Dem Karl-Marx-Kopf stellten die beiden Künstlerinnen Anetta Mona Chişa und Lu- cia Tkáčová mit dem Darm eine Nachbildung des Verdauungsorgans im Maßstab 1:24 gegenüber. Das Original entstand im Rahmen des Public Art-Projekts Gegen- warten 2020 und ist aktuell noch im Schillerpark zu sehen. Das Modell dazu wird im Open Space zu sehen sein. Der Darm kann als ein hintersinniger Kommentar auf die ikonische Verehrung des Kopfes von Karl Marx (als ein Mittel der politi- schen Propaganda) verstanden werden. Mit einem Augenzwinkern stellen die Künstlerinnen die Frage nach der Sinnhaftigkeit der maskulinen Heldenverehrung im öffentlichen Raum und der Fokussierung auf den Kopf als Ausdruck großer Männer.

Laura Horellis mehrteilige Arbeit Current Female Presidents (5/2000) setzt sich aus online verfügbaren Medienbildern der im Mai 2000 amtierenden Präsidentin- nen aus Finnland, Irland, Lettland, Panama und Sri Lanka zusammen. Ergänzt werden sie durch eine Weltkarte, auf der die kleinen, peripheren Länder mit Prä- sidentin grau markiert sind – Zeugnis einer männerdominierten Politik, an der sich auch bis heute nur in Teilen etwas geändert hat.

Anna Steinherz reflektiert in ihren Arbeiten die im osteuropäischen Raum fortlau- fende Transformation sozialistischer Strukturen in den neoliberalen Kapitalismus. In Future Primitive wählt sie als Material für ihre zeitgenössische Erntekrone Ge- treide, das traditionell auf Wohlstand und Überfluss verweist, und formt es zu ei- nem signethaften €-Zeichen. After the Storm hinterfragt anhand des Motives ei- nes Plattenbaus die Oberflächlichkeit einer westlichen Perspektive auf das sozialistische Erbe.

Der Chemnitzer Künstler Osmar Osten greift in seinen Werken Worte des alltägli- chen Lebens auf und kombiniert sie mit ikonischen Figuren. Durch die Verwen- dung von doppeldeutigen oder verhörten Worten, die er in seine Werke ein- schreibt, wird manche Kuriosität erst sichtbar. In der Ausstellung zeigt er Zeichnungen unter dem Titel Gute Macht Merkel, in denen eine traditionelle Fi- gur der erzgebirgischen Volkskunst das Rachermannel diese Botschaft in den Chemnitzer Abendhimmel blasen wird. Der Gruß verabschiedet die langjährige Bundeskanzlerin und fragt, was von ihrem Wirken zurückbleiben wird?

Kurz und intensiv bietet die viertägige Pop-up-Ausstellung künstlerische Inter- ventionen zum Themenfeld von gesellschaftlicher Teilhabe, Macht und Reprä- sentation an einem besonderen symbolischen Ort in Chemnitz an.

Die Eröffnung mit Musik von DJ Kynizzle findet am 27.9.2021, 18:30 Uhr im Chemnitz Open Space statt.

Historie
Das Karl-Marx-Monument, die zweitgrößte Porträtbüste der Welt, wurde am 9. Oktober 1971 vor etwa 250.000 Menschen enthüllt. Seitdem ziert das Kunstwerk das Chemnitzer Stadtbild. Der russische Bildhauer Lew Jefimowitsch Kerbel hatte ursprünglich den Auftrag erhalten, eine Ganzkörper-Skulptur von Karl Marx zu erstellen, entschied sich während seines Schaffensprozesses aber um.






  • 27.09.2021 - 30.09.2021
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    Öffnungszeiten

    Dienstag, Donnerstag bis Sonntag, Feiertag 11–18 Uhr
    Mittwoch 14–21 Uhr
    24.12. und 31.12. geschlossen

    Eintrittspreise*

    7 Euro, 5 Euro ermäßigt

    ab 10 Personen Gruppenrabatt:
    5 Euro, 3 Euro ermäßigt

    Freier Eintritt für Kinder und
    Jugendliche unter 18 Jahren



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  • SUSI POP Selfies, 2021 22 Siebdrucke auf Leinwand, je 150 x 90 cm Courtesy: Susi Pop und Galerie Zwinger, Berlin
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    Kunstsammlungen Chemnitz
  • Hito Steyerl Empty Centre, 1998 16 mm Film als digitales Video (Farbe, Ton) Filmlänge: 62 min Courtesy: die Künstlerin, Andrew Kreps Gallery, New York und Esther Schipper, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021
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