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translocation – transformation

Ai Weiwei

translocation – transformation

„Alles ist Kunst – alles ist Politik“, so Ai Weiwei (* 1957), der zu den international bedeutendsten Künstlern der Gegenwart zählt. Als Konzeptkünstler, Dokumentarist und Aktivist übt er nicht nur Kritik am Regime seiner Heimat China, sondern reagiert mit seinem Schaffen auf die aktuelle politische Realität wie die Flüchtlingskrise in Europa.

Vertreibung, Migration und gewollter Ortswechsel als Auslöser transformativer Prozesse in Menschen und an Objekten ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk von Ai Weiwei zieht. Dieses entscheidende Thema steht im Zentrum seiner ersten monumentalen Einzelpräsentation in Wien. Das Kernstück bildet der Ahnentempel einer Teehändlerfamilie aus der Ming-Dynastie (1368-1644), dessen Haupthalle originalgetreu im 21er Haus wiederaufgebaut wird. Der 14 Meter hohe Tempel aus Holz besteht aus über 1.300 Einzelteilen und wird zum ersten Mal außerhalb Chinas zu sehen sein. Seiner ursprünglichen Funktion enthoben bekommt das Bauwerk durch den Translozierungsprozess eine neue Bedeutung. Auch das 21er Haus war als temporärer Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel ursprünglich für einen anderen Ort und eine andere Funktion errichtet worden und so gehen die beiden Gebäude auf verschiedenen Ebenen einen spannenden Dialog ein. Die von Alfred Weidinger kuratierte Ausstellung erstreckt sich u.a. auch auf den barocken Garten des Belvedere, wo das Ensemble Circle of Animals/Zodiac Heads mit Bronzeköpfen aus dem chinesischen Tierkreis zu sehen ist.

Die Werke des chinesischen Künstlers Ai Weiwei sind Ausdruck seiner kritischen Auseinander- setzung mit Geschichte, Kultur und Politik seiner Heimat und reflektieren auf mehr oder weniger subtile Weise seine eigene Biografie. Die vielschichtigen Verknüpfungen von Geschichte und Gegenwart erhöhen die Faszination, die von der monumentalen Installation Circle of Animals / Zodiac Heads ausgeht, die der Künstler am großen Wasserreservoir an der Südseite des Belvedere aufzustellen beabsichtigt. Mit den zwölf, die Tierkreiszeichen des chinesischen Horoskops darstellenden bronzenen Köpfen, reagiert der Künstler auf die 1860 durch französische und britische Truppen erfolgte Zerstörung einer circa 1749 vor dem Sommerpalast Yuanming Yuan in Peking errichteten Brunnenanlage. Der Palast war vom europäischen Barock inspiriert worden, was das hochbarocke Gartenpalais von Prinz Eugen zu einer besonders reizvollen Folie für die Installation Ai Weiweis macht. Der Akt mutwilliger Zerstörung und Plünderung bedeutete eine schwere Demütigung des chinesischen Volks und markierte das Ende des zweiten Opiumkriegs, ein mit militärischer Gewalt erzwungener Opiumimport zur Durchsetzung der kolonialen Wirtschaftsinteressen, vor allem den Handel mit Tee, Porzellan und Seide. Zwischen 2000 und 2007 konnte China fünf der geraubten Tierköpfe (ursprünglich waren die gesamten Körper ausgebildet) erwerben. 2009 wurden zwei weitere aus der Sammlung von Yves Saint Laurent in einer Auktion angeboten. Die verbleibenden Köpfe werden bis heute vermisst. Alle Bemühungen der chinesischen Regierung, die beiden Bronzen nach China rückzuführen, scheiterten. Ai Weiwei reagierte daraufhin mit einer Neuerschaffung des Zyklus. Die Bronzen sind keine vollkommenen Kopien, sondern eine eigene künstlerische Interpretation und damit nicht nur physisch, sondern auch konzeptuell ein Produkt des 21. Jahrhunderts. Ganz bewusst spießt der Künstler die von den Plünderern sprichwörtlich geköpften Häupter auf Stangen und stellt sie, als Auftakt zur Ausstellung im 21er Haus, am Hauptbrunnen des Oberen Belvedere zur Schau.

Ai Weiweis Kunst im historischen und politischen Kontext
So wie der vor 160 Jahren ausgelöste Zweite Opiumkrieg das Ende des Kaiserreichs China vorbereitete und damit für das Land der aufgehenden Sonne eine neue Geschichtsschreibung begann, bedeutete die von Mao Zedong 1966 initiierte und mit seinem Tod 1976 endende Chinesische Kulturrevolution einen weiteren folgenschweren kulturellen Wandel. Um sich dem idealen Sozialismus entschieden anzunähern, sollten die gesamte Gesellschaft und die Partei proletarisch erneuert werden. Die u. a. auf den Lehren von Laozi, Buddha und Konfuzius beruhende, jahrtausendealte chinesische Kultur wurde durch den politischen Zwang nahezu ausgelöscht. Die drakonischen Maßnahmen waren gegen grundlegende traditionelle Werte gerichtet und führten zu Entwurzelung, Vertreibung, Zerstörung der Familientraditionen, Auflösung von Eigentum und im schlimmsten Fall Vernichtung. Ai Qing, ein chinesischer Poet und Weiweis Vater, war in dieser Zeit schlimmen Repressalien ausgesetzt. Die Partei erteilte ihm Publikationsverbot und deportierte ihn und seine Familie in entlegene Provinzen. Die nahezu zwei Jahrzehnte andauernde demütigende Behandlung hat deutliche Spuren hinterlassen und das Schaffen von Ai Weiwei entschieden geprägt.

Vertreibung, Migration und gewollter Ortswechsel als Auslöser transformativer Prozesse in Menschen und an Objekten ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk von Ai Weiwei zieht. Das betrifft seine Jugend genauso wie seine Zeit als Künstler in den USA, die Phase nach seiner Rückkehr nach China sowie seine Migration nach Berlin. Auf jede Translozierung folgt ein Prozess der Neuverortung. Dieser geht einher mit innerer Migration und Veränderung von Identität. Trotz oder gerade wegen seines Nomadendaseins ist Ai Weiwei ein Gesellschaftswesen, ein Zoon politikon, und als solches nicht abstrahiert von seiner Umgebung, seinen Mitmenschen, von Gesellschaft, Tradition und Kultur denkbar.








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  • © Belvedere, Wien
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    Österreichische Galerie Belvedere
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